Alle machen Hörbücher, wir auch – aber nach Art von Winter & Winter


Im Anfang stand die Musik. Vor zehn Jahren hat Uri Caine mit Adaptionen von Gustav Mahler sein "Urlicht" zum Beginn von Winter & Winter geschaffen. Die ersten HörFilme ("Kino für geschlossene Augen" — Der Spiegel) über Venedig, Buenos Aires und Havanna wurden veröffentlicht, und ausgewählte klassische Werke von Johann Sebastian Bach bis Mauricio Kagel sind verwirklicht worden. Vor knapp fünf Jahren stellt Winter & Winter mit großem Erfolg zur Music Edition die Film Edition. Schon die erste Veröffentlichung "Step across the Border" von Nicolas Humbert und Werner Penzel wurde zum Kultfilm. Winter & Winter hat in der Welt der Massenvervielfältigung und Industrieproduktion mit handverlesenen Werken, die mit größter Sorgfalt produziert werden, eine wundersame Insel geschaffen. Doch nicht nur inhaltlich, sondern auch durch das äußere Erscheinungsbild setzt Winter & Winter neue Maßstäbe. Alle Veröffentlichungen werden in Hard-Cover-Hüllen mit speziellen CD-Haltern und Büchlein aus feinem Papier von einer Manufaktur erstellt. Bekannte Künstler wie Steve Byram aus New York sind neben weiteren für Grafik und Design verantwortlich. In diesen ersten zehn Jahren wurde Winter & Winter mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, neben dem Echo Klassik gleich zwei Mal mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, vier Mal mit dem Choc de l’année in Frankreich, dem renommierten Edison Award aus den Niederlanden und dem Klara Award in Belgien.

In der neuen Literatur Edition erscheinen im Herbst 2007 zum zehnjährigen Jubiläum von Winter & Winter die ersten Hörbücher. Winter & Winter schafft die Bibliothek zum Hören.

Im Zentrum der ersten Veröffentlichungen im Herbst 2007 steht das Thema "Die Entrissenen". Ganz bewusst wurde ein Thema ausgewählt, mit dem sich der Verlag vollkommen identifizieren kann. Die unerbittliche Grausamkeit der nationalsozialistischen Diktatur hat Leben und Kultur ausgelöscht und beeinflusst. Die Tatsache, dass die Verarbeitung der Vergangenheit in der Familie von Stefan Winter eigentlich nicht stattfindet, spielt eine wichtige Rolle, sich diesem Thema zu stellen. 1966 – als Stefan Winter acht Jahre alt war – beendet, irritiert von der Radikalität der NPD, sein Vater seine Zugehörigkeit zu dieser Partei als Landesvorsitzender von Bayern und veröffentlicht 1968 das Bekenntnis "Ich glaubte an die NPD", doch im familiären Kreis bleibt das Thema Tabu. Nach der Überzeugung von Stefan Winter, der zusammen mit seiner Frau Mariko Takahashi die Edition Winter & Winter leitet, hätte der Kahlschlag der Nazis nach 1945 nicht nur einen wirtschaftlichen und sportlichen Wiederaufbau verlangt, der ins sogenannte 'Wirtschaftswunder' geführt hat und im Sport zum 'Wunder von Bern', sondern auch eine kulturelle Explosion, aber das 'Kulturwunder' bleibt aus. Die deutsche kulturelle Aufarbeitung und Weiterentwicklung muss in Verbindung zu den Ursprüngen vor 1933 stattfinden, und kann das 'Tausendjährige Reich' nicht ausklammern. Dieser Brückenschlag über die Abgründe der deutschen Katastrophe entsteht langsam, erst am Ende des 20. Jahrhunderts scheinen neue Wege gefunden. Wäre diese Thematik nur ein rein persönliches Anliegen ohne gesellschaftliches Interesse, würde die Berechtigung der Herausgabe der drei Hörbücher zum Thema "Die Entrissenen" fragwürdig erscheinen. Unter diesen ersten Hörbüchern von Winter & Winter finden sich keine Schlüsselwerke oder Kassenschlager der Literatur, sondern eine Auswahl von persönlichen Texten verfasst von Deutschen. Geschichte ist nicht, was wir denken, das Geschichte ist. Geschichte schreibt — nach Siegfried Kracauer – jede einzelne Person, und im Leben jeder Person spiegelt sich die Geschichte. Das erste Hörbuch hat Werner Herzog mit dem Titel "Vom Gehen im Eis" auf seinem langen Fußmarsch von München nach Paris geschrieben, als zweite Veröffentlichung folgt Max Mohrs Romanfragment "Das Einhorn" und eine Auswahl seiner Exilbriefe aus Shanghai, und das dritte Hörbuch wurde von W. G. Sebald mit dem Titel "Die Ausgewanderten" verfasst.

Für die Umsetzung werden faszinierende Stimmen gewonnen. Werner Herzog liest selbst sein Tagebuch "Vom Gehen im Eis", die "Briefe aus dem Exil Shanghai" von Max Mohr stellt Juliane Köhler als seine Frau und die Mutter seiner Tochter Eva vor. Mohrs Romanfragment "Das Einhorn" sprechen Doris Schade, Heidy Forster und Paul Herwig in den Rollen der jeweiligen Protagonisten. Und der zuletzt genannte liest auch "Die Ausgewanderten" von Sebald. Alle Produktionen wurden in eigener Regie aufgenommen.

 

– Stefan Winter

 

 

"Programmatisch geht das Münchner Jazz- und Experimentallabel Winter & Winter seine neue "Literatur Edition" an. Die Titel der ersten Saison handeln sämtlich vom beschwerlichen Gehen und vom schmerzlichen Fortgehen. Mit W.G. Sebalds poetisch erzählter Spurensuche »Die Ausgewanderten« wurde ein moderner Klassiker deutscher Erinnerungsliteratur gewählt, der der verschiedene Schicksale des Exils vergegenwärtigt. Die Einspielung der teils gefundenen, teils sinnig erfundenen Geschichten unterscheidet sich in der Tat vom Erwartbaren, da die Diktion des Sprechers Paul Herwig den etwas betulichen 'Sebald-Sound' jugendlich zupackend unterläuft. Notwendig weniger ziseliert berichten die Briefe des 1934 nach Shanghai emigrierten Dramatikers und Arztes Max Mohr vom Existenzkampf in der chaotischen chinesischen Metropole. 1937 infolge eines Herzversagens plötzlich verstorben, hinterließ Mohr ein ein schwieriges Manuskript. In archaischen Bildern von Mutterschaft gibt der fragmentarische Roman »Das Einhorn« eine Parabel gegen den männlich-autoritären Charakter der Zeit. Einer Art Übermutter – der erkrankten Filmhistorikerin Lotte Eisner – zollte Werner Herzog Tribut, als er sich 1974 spontan und zu Fuß von München nach Paris begab: Dem Kompass folgend, vollzog der Extremregisseur einen anarchischen Marsch gen Westen und gegen den Tod. Und siehe: Lotte Eisner überlebte. »Vom Gehen im Eis« lautete das Résumé dieser zweiwöchigen Tour de Force. Vorgetragen vom Autor in der monotonen Art des frühen Handke, erklingt eine 'Winterreise': ein Angehen gegen die Zeit, gegen den eigenen Leib und gegen die Wahrscheinlichkeit."

Neue Zürcher Zeitung, May 2, 2008


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