Der Kastanienball - The Fall of Lucrezia Borgia


Aurum, Vis et Venus imperabat [Es regierte Geld, Macht und Venus]

Machiavelli erzählt die Moritat des Kastanienballs, die Geschichte von Rodrigo Borgia, Papst Alexander VI., kirchlicher und weltlicher Herrscher, Antichrist, und seiner Tochter Lucrezia. Er erzählt, wie er Macht erobert, vergrößert, verformt, missbraucht und mit eigenen Gesetzen behauptet. Wie er seine sexuellen Triebe befriedigt, seine Fantasien und Leidenschaften durchlebt, zum höchsten Exzess aufbaut und alle um ihn herum benützt, ohne selbst Schaden davonzutragen. Machiavelli berichtet, wie Alexander seinen kirchlichen Gegner Savonarola beobachtet, seine Schwächen auskundschaftet, ihn vorführt, und dann vor den Augen seines Freundes Martin Luther beseitigt; wie er seinen Sohn Cesare einsetzt, und dieser mit höchster Intensität und Brutalität die Festigung der Macht der Borgia durchsetzt. Machiavelli erzählt die Tragikomödie Lucrezias, Cesares Schwester, die in krankhafter Abhängigkeit zu ihrem Vater steht, er erzählt von ihrer Angst und Eifersucht, den Vater zu verlieren, und wie sie sich dem eigenen Vater hingibt, um ihm nahe zu sein, obgleich sie so ihre Seele erstickt. Machiavelli erzählt von Lucrezias Bemühen sich auch der Mätresse ihres Vaters, Giulia la Bella zu nähern, sie zu lieben und zu befriedigen, was Giulia in vollen Zügen genießt. Er erzählt von Lucrezias Verzweiflung, wie sie vollkommen verstört Schutz bei ihrem Bruder sucht und sich schließlich, im Irrglauben ihre Seele retten zu können, auch ihm hingibt. Zur gleichen Zeit lernt Savonarola den blutjungen und schönen Martin Luther kennen, der als einziger Savonarolas Thesen bis in seine tiefste Seele hinein versteht. Savonarola endet auf dem Scheiterhaufen, den er selbst für die Verbrennung verruchter Bilder angehäuft hat. Für Luther wird er zum Märtyrer, den er eines Tages, am Tag des Kastanienballs, dem 31. Oktober, rächen will. Unbekümmert treibt Alexander VI. sein Spiel und genießt den Kastanienball. Zum Höhepunkt des Festes werden Kerzenleuchter unter den Tisch gestellt und nackte Mädchen sammeln die auf dem Boden liegenden Kastanien mit ihren Mündern ein und legen diese Alexander in den Schoß. Giulia la Bella singt "The great Song of Indifference".

Die "wahre" Lebensgeschichte von Alexander VI. und Lucrezia hat in der Literatur zahlreichen Niederschlag gefunden und Schriftsteller aller Epochen zu neuen Werken angeregt: Victor Hugos "Lucrèce" wird zur Vorlage von Gaetano Donizettis Oper "Lucrezia Borgia". Werner Schröter inszeniert "Das Liebeskonzil" nach Oskar Panizzas Theaterstück. Cesare Borgias politische Karriere war das Vorbild für Nicolo Machiavellis "Il Principe", möglicherweise auch der Ausgangspunkt für François Truffauts "Fahrenheit 451". In der Literatur des 18. Jahrhunderts läßt Friedrich Maximilian Klinger Lucrezia und Faust in "Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt" aufeinandertreffen und schon im 16. Jahrhundert beschreibt Andreas Hondorff in "Promptarium Exemplorum" ein Treffen von Alexander und Faust. Wolfgang Goethes Gretchen und Lucrezia sind ein und derselbe Charakter, und auch die schöne Helena und Lucrezia sind ein und die selbe Person. Fausts Helena in Gotthold Ephraim Lessings "Zauberpalast der Liebe" ist Lucrezia. All diese Geschichten sind Adaptionen von und über Alexander VI., Verkörperung der Lüge, der Verdammnis und der Korruption (der Teufel), der Antichrist und der Papst, die Macht, die Allegorie der Befriedigung und des Mißbrauchs, das Symbol von Geschlechtstrieb, sexuellen Fantasien und Leidenschaften. Auch Lucrezia hat viele Gesicher, sie ist die Unschuld (Jungfrau Maria) und die Versuchung (Eva) in einer Person, die reine Frau, die die Erlösung der Männer möglich macht; sie trägt keinen Teufel in sich, ist das Symbol der Liebe, des Vertrauens und der Reinheit. Ihr zweites Ich (Eva) ist der Archetyp der gefallenen Frau. Sie (Eva) ist die Ursache für das Leiden des Mannes, ist das Symbol von Verworfenheit, Zerstörung und Tod, ist die Allegorie der Eifersucht, des Neides und des Hasses. Schon 1501 erhält Silvio Savelli, ein vehementer Kritiker Alexander VI., einen anonymen Brief aus Rom in seinem Exil am Hof Kaiser Maximilians, in dem Lucrezia als Hexe bezichtigt wird. Diese Aussage findet sich auch in den Geschichtsbüchern des Johannes Burchardus.

Auch historisch wenig bekannte Fakten wie Luthers genaue Kenntnisse von Savonarolas Schriften, finden Eingang in die Handlung des Kastanienballs. Zwar ist es Fakt, daß Luther Savonarola nie persönlich getroffen hat, dennoch ist die Verbindung zwischen beiden augenfällig. Luther ist schließlich der erste Verleger von Savonarolas letzen Aufzeichnungen, die er im Gefängnis verfaßt, bevor er hingerichtet wird. Nach Alexanders Tod – er erhält kein Staatsbegräbnis mit allen Ehren – wird Pius III., ein Feind der Borgia Familie, für wenige Tage Papst, ihm folgt Julius II. (Papst von 1503 bis 1513), der versucht die politische Macht des Vatikans gegen Spanien und Frankreich wiederzugewinnen.

Auf ihn folgt Leo X. (Papst von 1513 bis 1521), Sohn von Lorenzo de' Medici (für dessen Familie Machiavelli "Il Principe" verfaßt), der – wie Alexander – Kunst, Wein, Weiber und Luxus liebt. Das Geld für zahlreiche Ausgaben an Künstler und für seinen aufwändigen Lebensstil erwirtschaftet er vor allem aus dem Ablaßhandel, wohl der letzte Auslöser für Martin Luther seine Thesen am 31. Oktober 1517, dem Tag des Kastanienballs, anzuschlagen [in Nordamerika wird dieses ehemalige Druidenfest immer noch als Halloween gefeiert]. Hadrian VI. (Papst von 1522 bis1523) kann die Probleme mit Luthers Reformation nicht lösen, und nach Clemens VII. (Papst von 1523 bis1534) wird Giulia la Bellas Bruder im Jahr 1534 Papst Paul III., dem gleichen Jahr, in dem Luther die deutsche Bibel veröffentlicht. Alexander VI. hatte Giulias Bruder bereits 1499 zum Bischof ernannt. Luthers Werk und die Borgia Familie sind untrennbar miteinander verbunden. Sicherlich haben die Schriften von John Wycliff (1320-1384), der die Bibel in die englische Sprache übersetzt, und die Aussagen von Jan Hus (1369- 1415) Luther tief beeindruckt, dennoch ist der Einfluß von Girolamo Savonarola zeitlich wesentlich näher und sehr wahrscheinlich die treibende Kraft hinter Luthers Bestrebungen, die Kirche reformieren zu wollen, gewesen.

Der Kastanienball ist die Geschichte vom Fall der Lucrezia Borgia und vom Schicksal Girolamo Savonarolas. Der Text der Figur Nicolo Machiavelli ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken aus dem "Fürst", Machiavellis bekanntestem Werk. Wolfgang Goethes "Gretchen am Spinnrad" [Ur-Faust], Marcellus Schiffers "Ich hab mir jarnischt bei jedacht!", Martin Luthers Thesen und die letzten Aufzeichnungen Girolamo Savonarolas fügen sich zu einem Reigen bedeutender Zitate zusammen. Musikalische Adaptionen und für dieses Werk neukomponierte Stücke bilden ein harmonisches Konzept für diese "improvisierte" Oper. Stefan Winter hat die Rollen mit ausgeprägten Individualisten besetzt, die nicht einfach nur bedingungslos der Leitung und Idee eines Regisseurs folgen sollten. Gerade deshalb ist das Album das Resultat einer einmaligen Zusammenarbeit aller Mitwirkenden, gleich ob aus dem Jazz-, Cabaret-, Avantgarde- oder Klassikbereich, deren intensiver, persönlicher Einsatz an äußerste Grenzen ging. …Und falls sich irgendjemand darüber wundert, warum Richard Wagners Lohengrin während Alexanders Sexpuppenvergewaltigung gespielt wird, so hat "Der große Diktator" eine Antwort. Egidio da Viterbo schreibt "Aurum, Vis et Venus imperabat" – "Es regierte Geld, Macht und Venus" - über das Pontifikat von Alexander VI. und setzt diese Zeile auch der Amtszeit Leos X. voran.

 

- Stefan Winter


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