Hawai'i - Under the Rainbow


Vielleicht erahnt Regisseur Murnau noch ein klein wenig vom atemberaubenden Flair der naturverbundenen Bewohner der Südsee, wie dies Paul Gauguin in seinen Bildern so aufregend beschreibt, als er für seinen letzten Spielfilm "Tabu" in diese Inselwelt eindringt, um den exotischen Zauber noch einmal zu ergreifen, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe vollkommen verloschen ist. Fast hilflos wirkt sein Versuch zusammen mit dem von ihm bewunderten Dokumentarfilmer Robert Flaherty, Hula Tänze mit Baströckchen tragenden, barbusigen Mädchen für einen Hollywood Film wiederzubeleben. Die Idee, die tragische Liebe eines gottgeweihten Mädchens, das mit dem "Tabu" belegt, keinen Mann begehren darf, fast dokumentarisch erzählen zu wollen, dürfte auf Flahertys Einfluss zurückzuführen sein, und Murnaus persönlichem Stil widersprochen haben. Murnau stirb noch vor Vollendung des Films.

Die Archipels der Südsee verlieren durch die Inbesitznahme fremder Eindringlinge ihre Unschuld, das Paradies wird kultiviert, nur noch rudimentär finden sich ganz wenige Elemente wundersamer Lebensformen, die in engster Koexistenz mit der Natur über Jahrhunderte hinweg gewachsen sind und nun in wenigen Jahren zivilisiert werden. So reisen Mariko Takahashi und Stefan Winter, ohne die Erwartung Paul Gauguins Bilderwelt wenigstens musikalisch noch erleben zu können, von München über Tokio nach Honolulu. Kein Tagebuch, kein Skizzenblock, weder Foto- noch Videokamera gehören zur Reiseausrüstung, sondern nur ein Aufnahmegerät mit Mikrofon, in der Hoffnung mit einem persönlichen Reisehörfilm (Kino für geschlossene Augen) aus der pazifischen Inselwelt zurückzukehren. Vor Antritt der Reise werden noch von München aus konkrete Aufnahmepläne entworfen, die dann jedoch nur noch fragmentarisch umgesetzt werden. Der ungewohnte Lebensrhythmus auf O'ahu zwingt zur Aufgabe der vorgefertigten Schemata, der Fluss der Dinge hat eine andere, ruhige, kraftvolle, sich ganz langsam fortbewegende Dynamik. Die so wunderbare Welt vulkanischen Ursprungs und das fruchtbare Klima mitten im Pazifischen Ozean beeinflussen nach wir vor das Zusammenleben zwischen Mensch und Natur. Tanze im Wind unter dem Licht des Regenbogens, bewege dich wie das Meer, fließe wie ein Baum, ströme wie ein Bach, der Leben bringt. Die Inhalte der alten Chants und Hulas haben heute noch ihre Bedeutung, auch wenn es fast unmöglich ist, einen Hawaiianer zu treffen, der keine japanischen, irischen, mexikanischen oder italienischen Vorfahren hat. Neues ist entstanden seit – wie man erzählt – Mawake und seine Söhne im 11. und 12. Jahrhundert von Tahiti kommend sich auf Hawai'i niedergelassen haben, weitere Ankömmlinge aus Europa mischen sich nach dem 17. und 18. Jahrhundert unter die Urbewohner der Südsee, die Tempel Halau, errichtet für Laka, die Göttin des Hula, werden eingerissen, die christliche Religion hält Einzug, und Pele, die Göttin des Vulkans, die zerstört und somit neues, fruchtbares Land schafft, wird verbannt. Unter dem Diamonds Head am Strand von Waikiki klingen nun neue Hulas und hawaiianische Sons. Slack Key und die weltberühmten Steel Gitarren, Ukuleles, ehemals aus Portugal kommend, Kontrabässe, eigenartig erotisch wirkende Falsetto-Gesänge und mehrstimmige Lieder vermischen sich im Rhythmus der Wellen mit den Vogelstimmen, die aus gigantisch großen Bäumen klingen, unter denen man bei einem Cocktail den atemberaubenden Sonnenuntergang im Pazifik miterlebt.

Wolken, Regen und Sonne wechseln stündlich, von nah und fern grollen Donner, manchmal stehen zwei, drei Regenbögen am Himmel. Auf einer Veranda in einem weissen Holzhaus, das an einem sattgrünen Berghang über Honolulu liegt, spielt eine Slack Key Gitarre einen Hula, weitere Musiker kommen hinzu, singen und spielen ihre Lieder über die Liebe, über ihr Land und ihre Prinzessin, Miriam Likelike, die einst wie die Brüder Grimm notiert, was von Generation zu Generation überliefert wird. Aus der ungebrochenen Verbundenheit zu ihrer eigenen Tradition entstehen neue Lieder, die Hawaiianer starren nicht in die Asche der Vergangenheit, das Feuer brennt weiter, nur das Bewusstsein hat sich verändert, die Aufmerksamkeit für ihre eigene Sprache, ihre Kultur und ihre Natur ist im neuen Jahrtausend bei allen gewachsen, ob sie nun von japanischen Touristen oder von den amerikanischen Armeebasen ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Augen der Kinder des Hawai'i Youth Opera Chorus Angeli Ensembles glänzen, als sie von ihrem Hawai'i singen, sie lernen neue Lieder und auch alte Chants, die schon vergessen schienen, und ihre Körper, Arme und Hände, denen die Augen bis zu den Fingerspitzen folgen, bewegen sie im Einklang mit dem Text.

In einem einfachen Haus auf einer Anhöhe an der Westküste, weit entfernt vom Treiben Honolulus, treffen sich junge Frauen, um Hula zu tanzen, bald soll eine von Ihnen Hochzeit feiern. Sie sagen, dass sie nicht mehr an Laka glauben, sondern auf Christus getauft sind, aber die ungeheure Sinnlichkeit des Hula hat sie gefangen. Sie singen und tanzen, und fast wie im Märchen tauchen Wale aus dem Meer, rufen und lassen Wasserfontänen in den Himmel steigen. Nervös bellen die Hunde. Die alten Riten sprechen von der Kraft der Natur, von Wasserfällen, von Lava und der Liebe. Auf von handgemachten Trommeln und mit nackten Füssen schlagen, tanzen und stampfen sie ihre Rhythmen, und unten am Strand rollt die Brandung immer und immer wieder gegen das Land.

Eine Ukulele spielt Ku'u Ipo I Ka He'e Pu'e One, geschrieben von der Prinzessin für ein Mädchen mit gebrochenem Herzen, das ihre große Liebe nicht heiraten kann. Die Gedanken kehren zurück zum Drehbuch von Murnaus "Tabu", und Paul Gauguins Bilder erscheinen. Der Zauber lebt.

 

Dieses Reisehörbuch wurde auf der Insel O'ahu vom 12. bis 18. April 2006 aufgenommen.

 

- Stefan Winter


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