The Brandenburg Concertos, The Celebration


Johann Sebastian Bachs Brandenburgische Konzerte gibt es in fast unzähligen, weniger überzeugenden und manchen wundervollen Fassungen von Herbert von Karajan bis zu Nikolaus Harnoncourt. Produzent Stefan Winter nimmt die weltberühmten Six Concerts Avec plusieurs instruments auf und schafft zusammen mit der Freitagsakademie, ein Ensemble aus Spitzenmusikern der Schweizer Barockszene, ein Klangerlebnis der besonderen Art.

Stefan Winter ist bekannt für seine HörFilme (Kino für geschlossene Augen): "Wagner e Venezia", "The Sidewalks of New York" (mit Uri Caine), "Orient Express", "Im Zauber von Verdi", "Schumann's Bar Music" (mit Fumio Yasuda), "¡Tango Vivo!" und "Diaspora in Buenos Aires" (mit Andrés Linetzky). Winter möchte Musik nicht einfach dokumentieren, sondern aus Werken eine fiktive Klanggeschichte mit Anspielungen auf historische Ereignisse und manchmal auch auf persönliche Erlebnisse schaffen. Der Wunsch, einen barocken HörFilm zu gestalten, wird bereits in seiner Jugend geweckt. Winter ist fasziniert von den neuen, atemberaubenden Klängen Europas, die sich nach Prinz Eugens Befreiungsschlag gegen das Osmanische Reiche entfalten. Der Westen feiert seine Befreiung, das barocke Zeitalter bricht an, grundlegend verändert sich die europäische Architektur, Kunst und Musik. Johann Sebastian Bach, am 31. März 1685, zwei Jahre nach der entscheidenden Schlacht um Europa am Kahlenberg, geboren, wird zu einem der Protagonisten des Barock. 1717 bis 1723 lebt Bach in Köthen und komponiert herausragende Werke. Stefan Winter ersinnt ein Tagebuch über Johann Sebastian Bachs glückliche Jahre bei Leopold von Anhalt-Köthen, seinem Förderer und lebenslangen Freund. Ein besonderes Ereignis, das Sonnwendfest am 21. Juni 1721, wird zum Herzstück von "The Celebration, J. S. Bach: The Brandenburg Concerts". Dieses Doppel-Album erzählt die Geschichte eines rauschenden Sommernachtsfests. Diese Nacht bietet alles, mitreißende Musik, ein Feuerwerk und das große Sonnwendfeuer.

Die Idee des HörFilms eines barocken Fests ("The Celebration") mit der Aufführung der Brandenburgischen Konzerte stellt eine Ausnahme unter den Musikaufnahmen dar. Nicht das erste Konzert eröffnet das Album, sondern eine Kutschfahrt nach Köthen. Das Fest findet unter freiem Himmel statt, geladene Gäste versammeln sich, Ortsbewohner mischen sich unter die Gesellschaft. Kerzen, Fackeln und immer wieder aufblitzende und donnernde Feuerwerke erleuchten die Fassade des Schlosses, die Glockenschläge der Uhr rufen die Stundenzeit aus, mitten in der Nacht wird das Sonnwendfeuer entzündet, Bachs Musik erfüllt den ganzen Ort.

 

Die Freitagsakademie in der Rolle der Hofkapelle musiziert ohne Dirigent. Die einzelnen individuellen Stimmen wirken in höchster Aufmerksamkeit zusammen, nehmen Themen auf, reichen diese weiter, musizieren mit- und manchmal gegeneinander, so entstehen Zwiegespräche, im wahrsten Sinne des Wortes Konzerte, und immer wieder treten fugenartige Klangkaskaden hervor. Manchmal erinnern musikalische Teile an Vivaldi, oder an französische Tonkunst, doch das ganze Werk stammt aus einer Hand, aus einem Guss. Bach schenkt uns eine mitreißende Konzertreihe aus sechs Teilen, die zwar zu unterschiedlichen Zeiten entstehen, aber in Köthen von ihm zusammengeführt werden, um sich auf Leopolds (von Anhalt-Köthen) Vorschlag beim Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt, Onkel des preußischen Königs vorstellig zu machen. In den letzten 50 Jahren hat sich die Aufführungspraxis der Barockmusik gewandelt. Harnoncourt führt die Veränderung mit seinem Ensemble Concentus Musicus Wien an. Er schreibt Geschichte. Il Giardino Armonico und andere folgen. Grenzen werden niedergerissen, Tür und Tor aufgestossen. Diese Entwicklung eröffnet im 21. Jahrhundert der jungen Generation die Freiheit, Barockmusik vollends aus dem Museum zu befreien und den Staub der Jahrhunderte wegzublasen. Die Freitagsakademie aus der Schweiz gehört zur neuen Generation, die souverän die alten Notentexte zu ihrer neuen Musik machen. Die Achtung vor dem Werk, dem Komponisten und das Wissen, dass Musik, Zeit und Gesellschaft untrennbar miteinander verbunden sind, stehen im Zentrum. Die Umsetzung der Notentexte in Klänge kann in unserer heutigen Zeit jedoch nicht ihren Ursprung darin haben, den Versuch zu starten, Bach, Vivaldi, Lully und ihre Zeitgenossen zu imitieren, sondern neu zu interpretieren. Die Freitagsakademie spielt Bachs Brandenburger Konzerte erfrischend lebendig und vital. Kein Tempo ist jedoch zu scharf, oder wirkt gehetzt. Jeder Rhythmus überzeugt doch seinen ungekünstelten Puls, jeder einzelne Ton hat seine Bedeutung, jeder Takt atmet. Die Stimmen der so unterschiedlichen Instrumente entfalten ihre wesenseigenen Klangfarben. Der Notentext blüht auf, Bachs glückliche Jahre in Köthen werden lebendig. Die Freitagsakademie setzt in ihrer originellen Klangsprache das Wort »concerto« (einen Wortkampf führen, disputieren) nach der ursprünglichen Bedeutung um. Die Musik der Freitagsakademie ist eine wahre Freude, dieses Ausnahmeensemble lässt diesen Notentext neu erleben.

 

Die Freitagsakademie verzichtet auf digitale Mehrspurtechnik. Der authentische Raumklang der Musik wird mit zwei Kugelmikrophonen direkt auf ein analoges Stereo-1/4 Zoll-Magnetband aufgezeichnet. Diese Kugelmikrophone bilden den Ensembleklang unverfälscht ab. Gerade weil die natürliche Entfaltung der Klangquellen im Raum ohne Begrenzung aufgezeichnet wird, behält so jedes Instrument seinen bestimmten Ort. Die Stimmen des Ensembles vom Cembalo, über Barocktrompete, Flöte, Oboe, Cello bis zur Piccolo Geige zeichnen sich klar ab, behalten ihre Klangvielfalt und Kraft. Mit dem Einsatz analoger Aufnahmetechnik wird nicht nur Wert auf den audiophilen Klang gelegt, sondern auch auf tausendfach mögliche Manipulationen durch Digitalschnitt verzichtet. Das Moment der Aufnahme rückt wieder ins Zentrum. Wie ein Autor oder Komponist, der mit einem Füllfederhalter und nicht mit einem Computerprogramm schreibt, so verzichtet auch die Freitagsakademie bewusst auf digitale Austauschbarkeit. Die Musik der Freitagsakademie entsteht im Rausch der höchsten Konzentration, so wie ein außergewöhnliches Konzerterlebnis unter besten Bedingungen an einem besonders geeigneten Ort.

 

Aus Bachs Six Concerts Avec plusieurs instruments, den sogenannten Bandenburgischen Konzerten, entsteht ein hinreißender HörFilm über ein Sommernachtsfest, das vor fast 300 Jahren am Hof in Köthen spielt, wahrscheinlich hat dieses Fest nie stattgefunden, aber dies ist eine ganz andere Geschichte.


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