Noches de Buenos Aires - ¡Tango Vivo!


Ganz am Anfang dieser akustischen Reise durch die vielfältige Tangowelt der argentinischen Hauptstadt steht nicht das Bandoneon - und doch ein früher Klassiker des Genres: "El Irresistible" (Der Unwiderstehliche") aus dem Jahr 1907, wiedergegeben von einem damals in den Bars populären Vorläufer der Musikbox. Metallzungen großer "Schallplatten" lösen die Glockentöne solcher überdimensionaler "Spieluhren" aus.

 

Dann aber beginnt er unüberhörbar zu schnaufen, jener Balg, der das Bandoneon zum Leben erweckt, der den Tango zum Atmen bringt. Melancholisch und zugleich mitreißend perkussiv spielt Osvaldo Montes "Silbando", anno 1906 komponiert vom Pianisten, Journalisten und Boxer Cátulo Castillo. In den Tango-Shows und den volkstümlichen Musikkneipen von Buenos Aires haben die Melodien aus der Anfangszeit und der Goldenen Ära ab 1920 heute noch ganz selbstverständlich ihren Platz. Auf den Showbühnen sind sie allerdings oft nur Zutat für aufwendig inszenierte Spektakel mit hollywoodreifen Tanzszenen.

 

In den Bars jener barrios (Stadtviertel) aber, in denen der Tango gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand, wird er gelebt, gibt es keine Trennung: hier die Künstler – dort das Publikum. Man trifft sich, kennt alle Melodien, und wer sich nicht auf anfeuernde Rufe beschränkt, steht auf, um zu tanzen oder mitzusingen. So ein Abend, an dem schlicht und ergreifend Musik gemacht wird, ist kein Konzert. Es gibt dort auch nur selten "Tango Nuevo" zu hören, obwohl sein Einfluß gelegentlich aufscheint und Astor Piazzolla durchaus verehrt wird. Pflegten sich nach einem europäischen Piazzolla-Auftritt - im Hamburger Schauspielhaus zum Beispiel - schwarzgekleidete Kulturtragende darüber zu streiten, ob das eben Gehörte nun wirklich ein Avantgarde-Konzert war, geht es in Buenos Aires um etwas völlig anderes: um die Menschen eines Stadtviertels, ihr Lebensgefühl und um Lieder, die immer ihre Lieder waren, mögen sie auch noch so ambitioniert sein.

 

In jene Welt, in der der Tango als Volksmusik ungebrochen lebendig ist, entführt der HörFilm "Noches de Buenos Aires": in die dichte, emotionsgeladene Atmosphäre von Lokalen wie dem "El Chino", "El Samovar de Rasputin" oder der "Casa del Tango", unter deren Stammpublikum sich kaum Touristen mischen - und sei es nur deshalb, weil ihnen die Stadtviertel nicht geheuer sind, in denen der Tango seine Heimat hat. Vor allem aber geht es um die erstaunliche Vielfalt der Musik: vom ländlichen "Tres esquinas" mit von keinem Perfektionismus im Zaum gehaltener Gitarrenbegleitung über die kunstvolle und doch volkstümliche Instrumentalmusik des Quintetts Tangata Rea bis zum hochgradig sentimentalen Gesang von Carlos Gari, den ein Quartett begleitet, das auch in großen Tango-Shows auftritt. Luis Cardei, seit 1983 mit dem Bandoneonspieler Antonio Pisano berühmt geworden, wird häufig in einem Atemzug mit der Tango-Legende Carlos Gardel genannt. Zu den Neuerern, die mit großem Respekt an die Klassiker herangehen, zählen die Sängerin Patricia Barone und ihr musikalischer Direktor, der Gitarrist Javier González.

 

Große Namen nicht nur der Alten Garde finden sich auch unter den Komponisten: Kapellmeister Roberto Firpo, der als Begründer des orquestra tipica gilt; Eduardo Arolas, als "El tigre del bandoneón" zur Legende geworden; "Tangopapa" Angel Villoldo, dessen seit 1905 populäres Lied vom Maiskolben ("El choclo") sich wie ein Leitmotiv durch die ganze CD zieht, oder der vor allem als Textdichter geschätzte Pascual Contursi.

 

Daß die großen, manchmal an die hundert Jahre alten Tangolieder heute noch so häufig gesungen werden, hat wenig mit Nostalgie zu tun. Auf immer neue Weise entsprechen sie dem Lebensgefühl der Menschen."Noches de Buenos Aires" läßt als HörFilm die Faszination einer Stadt und ihrer Musik miterleben, als wäre man dabei gewesen im Hafenviertel La Boca oder als die Musiker von Tangata Rea in der Bar "El Chino" auftauchten, um den Wirt dort an seinem Geburtstag mit einem Ständchen zu überraschen. Das Quintett tritt normalerweise nicht im "El Chino" auf. Es war "nur zum Spaß" unterwegs: einfach spielen -

¡Tango Vivo!


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