Uri Caine Ensemble - Wagner e Venezia


Am Nachmittag des 29. August 1858 traf Richard Wagner zum ersten Male in Venedig ein. Sechs Mal hielt er sich insgesamt in der Inselstadt am Adriatischen Meer auf - dort entstanden einige seiner Werke. Die Stadt Venedig stellte für Wagner die lebendig gewordene Traumwelt dar: Nichts berührt unmittelbar als reales Leben, alles wirkt objektiv, wie ein Kunstwerk. (Tagebucheintragung)

In Venedig schrieb er den Tristan, seine verzweifelte Liebeserklärung an Mathilde Wesendonck: "Und mit ihm, darf ich, kehre ich dann zurück, Dich zu sehen, zu trösten, zu beglücken!" (R.W. an Mathilde Wesendonck)

 

Wagner, der des öfteren am Schlusse der Mahlzeit durch das plötzliche Erklingen meiner Ouvertüren überrascht wurde, dargebracht von österreichischen Militärmusiken, die abwechselnd des Abends bei glänzender Beleuchtung in Mitte des Markusplatzes spielten, welcher für diese Art von Musikproduktionen einen wirklich vorzüglichen akustischen Raum abgab (R. W., Mein Leben), übernahm bald die Rolle eines probeleitenden "Kapellmeisters", um den Musikern das richtige Tempo usw. zu weisen.

"Die Ouvertüre ging sehr gut. Ich hörte sie mit Karl vom Restaurant aus beim Dessert und 1/2 Fläschchen Champagner an. Anderntags meldete sich nun schon der Kapellmeister vom Ungarischen Regiment, mit Stücken aus Lohengrin."

(R. W. an seine Frau Minna)

 

Später, nach Abzug der Besetzer, wurden die österreichischen Kapellen abgelöst von italienischen Ensembles, die ihrerseits Wagners Musik im Repertoire hatten ...

 

Am 13. Februar 1883, während seines sechsten Aufenthalts, starb Wagner in Venedig.

 

Friedrich Nietzsche (einst ein großer Verehrer von Wagner und seinen Werken):

"Ich bin ferne davon, harmlos zuzuschauen, wenn dieser décadent uns die Gesundheit verdirbt - und die Musik dazu!" Oder: "Die Gefahr kommt auf die Spitze, wenn sich eine solche Musik immer enger an eine ganz naturalistische, durch kein Gesetz der Plastik beherrschte Schauspielerei und Gebärdenkunst anlehnt, die Wirkung will, nichts mehr … Das espressivo um jeden Preis und die Musik im Dienste, in der Sklaverei der Attitüde."

Nach Wagners Tod schrieb F.N. an den Freund Köselitz:

"... ich glaube sogar, dass der Tod Wagners die wesentlichste Erleichterung war, die mir jetzt geschafft werden konnte. Es war hart, sechs Jahre lang Gegner dessen sein zu müssen, den man am meisten verehrt hat, und ich bin nicht grob genug dazu gebaut. Zuletzt war es der altgewordene Wagner, gegen den ich mich wehren musste; was den eigentlichen Wagner betrifft, so will ich schon noch zu einem guten Teile sein Erbe werden..."

 

Im Sinne venezianischer Kaffeehausmusik hat der New Yorker Pianist und Komponist Uri Caine zentrale Werke Wagners arrangiert. Zur Aufführung auf dem Originalschauplatz stellte er ein aus amerikanischen Musikern bestehendes Ensemble zusammen, deren Besetzung an jener der weltberühmten venezianischen Gran Caffè-Orchester orientiert ist:

Mark Feldman (1. Violine), Joyce Hammann (2. Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Drew Gress (Kontrabass), Dominic Cortese (Akkordeon) und Uri Caine (Piano). Im Juni 1997 präsentierte dieses Ensemble live in Venedig das Resultat der monatelangen Auseinandersetzung von Uri Caine mit Richard Wagner.

 

Fünf Tage lang musizierten die Künstler im Hotel Metropol an der Riva degli Schiavoni, ehemalig das Zuhause von Antonio Vivaldi, und auf der Piazza San Marco vor dem Gran Caffè Quadri, wechselten sich ab mit dem Originalorchester und lockten mit ihrer streng an den Wagnerschen Originalen orientierten und dennoch sehr lebendigen Musik das Publikum. Die heiter-melancholische Stimmung des Ortes und die mit der Leichtigkeit eines Salonorchesters vorgetragene Musik prägen den Charakter der vorliegenden Aufnahmen.


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