Uri Caine - »Rio«


Die New York Times charakterisiert Uri Caine als einen "interpretierenden Komponisten, der seine Werke mit musikalischen Metaphern und Versatzstücken bereichert". Niemals zuvor trifft diese Beschreibung besser zu als auf »Rio«, dem Ergebnis eines einwöchigen intensiven musikalischen Aufenthalts in Rio de Janeiro, Brasilien. "Brasilianische Musik ist so vielfältig", beobachtet der Pianist. "Je mehr man sie betrachtet, desto klarer wird, dass es nicht bloss Antonio Carlos Jobim gibt, an den die meisten amerikanischen Jazzmusiker denken." Caines Liebe für die Musik Brasiliens entbrannte bereits während der ersten Begegnung mit einer Sambagruppe in Philadelphia. "Mein Interesse besteht darin, diese Musik tief zu ergründen, sowohl direkt an ihrer Quelle, als auch zu hören, wie sie auf einer Platte wie »Native Dancer« (von Wayne Shorter) interpretiert wird." Caine hat bereits bei seinen eigenen Aufnahmen mit brasilianischen Elementen gearbeitet, am auffälligsten mit Arto Lindsay bei »Urlicht« und Vinicius Canturaia bei »The Goldberg Variations«, jedoch hat er Brasilien noch nie ein gesamtes Projekt gewidmet.

Das Album »Rio« ist geprägt vom Pulsschlag des heutigen Rio de Janeiro, sowohl von der Musik, als auch von seiner Atmosphäre, den vielschichtigen Klängen der Straße. Caine und sein jazzorientiertes »Rio«-Quintett mit Drummer Paolo Braga bilden einen Pol dieses Albums, doch spontane Begegnungen mit Stimmen, Künstlern und Poeten von den Straßen spiegeln ein weiteres Klangbild dieser Stadt. Darunter die preisgekrönte Sambaschule aus dem Vila Isabel Viertel, aufgenommen in einem Hinterhof in deren Nachbarschaft. Auf einem nächtlichen Freiluftmarkt begegnet Caine einer dreiköpfigen Percussionsgruppe. Eine Gang von politischen Agitatoren stürzt eines Abends in ein Restaurant und ruft Parolen aus. Mit dabei ist die Rapgruppe Stereo Americana, sowie der aufstrebende Sänger Jair aus dem Umfeld des Trama Plattenlabels in São Paolo. Insgesamt ein beeindruckend facettenreiches Bild von Rios Musikszene - vereint durch Uri Caine am Piano und den Fender Rhodes. "Der Plan basierte auf Zufall, zwar wusste ich, wo es hingehen sollte, jedoch wollte ich mich keiner festgelegten Vorstellung unterwerfen, was vielleicht gut klingen könnte", sagt Caine, "sodass ich mich in die Musik der anderen fallen lassen konnte." Die feinsinnige Einbindung atmosphärischer Geräusche, wie das laut schallende Dröhnen der Saint Theresa-Straßenbahn, macht »Rio« zu einem HörFilm mit dem Reisenden Uri Caine. "Wenn ich mir das Album anhöre, dann ergeht es mir so, als ob ich Erinnerungsfotos dieser bewegenden Reise sehe." Diese Reise spielt sich ab wie in einem ergreifenden Traum: authentisch detailliert mit einer surrealen Einfärbung, weniger eine programmatische Aufzählung, umso mehr ein lebendiges, pulsierendes Ganzes.

-Nate Chinen


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