Cabaret Modern


Einige unabhängige Geister versammeln sich an einem Ort, der in der Vergangenheit Bühne für Gaukler und Kabarettisten gewesen ist. Eine Nacht lang zetteln sie eine Verschwörung an, erfinden sie den Gruppenrausch aufs Neue, begeben sich erneut in den Zustand des Verlangens. Dort finden wir Abenteurer aller Art, geborene Improvisationskünstler, wandelbare Schnulzensänger, Kabarettsängerinnen, zweitklassige Dichter, einige leicht erregte Freunde. Sie stimmen gepfefferte Aufschneidereien oder zu Tränen rührende Romanzen an. Was da durch die Wiedererweckung der Kabarett-lieder und anderer Lieder dieser Art auflebt, hat mit dem Geist dieses Orts zu tun. Die meisten modernen, ästhetischen oder politischen Revolutionen sind partiell mit dem Geist des Kabaretts verbunden gewesen. Das kommt nicht von ungefähr. Dieser verschlossene Ort, trotzdem für jedermann leicht zugänglich, erlaubt alle Exzesse, alle Überschreitungen, alle Schauder.

Hier geht es vermutlich nicht um die Bestrebung, die Gesellschaft umzustürzen, sondern eher darum, aus einer unter der Haut liegenden Energie, aus einem Repertoire, das die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft verbindet, zu schöpfen, und eine Ungeduld oder eine Extravaganz (wieder) ins Spiel zu bringen und ihnen (wieder) auf die Beine zu helfen. Was vielleicht auf dasselbe hinausläuft. Der Schauplatz ist die Nacht, eine dieser Nächte, in der alles geschehen kann. Es ist gleichzeitig unglaublich ernst und absolut unernst, manchmal sogar ein wenig spöttisch. Es gibt eine Dramatik, eine Erzählung, eine Geschichte, die sich wie in einem Film erzählt, in dem man vom Sonnenuntergang zum Sonnenaufgang geht. Hier lässt man alles Revue passieren, wie im Varieté, wo jedermann sein Liedlein anstimmt, von der Belle Epoque bis zu der von Godard oder Gainsbourg mit einem Umweg über die unsrige. Vorbei ziehen die Schatten des fiebrigen Deutschlands der Zwanziger Jahre, des vergessenen Paris der Dreißiger Jahre, von Piaf, Marlene, Faßbinder und Ferré, die Schatten der Nebenrollen des französischen Kinos, von Francis Blanche oder von Bourvil bei Mocky. Jedoch nichts Archäologisches, sondern die alleinige Notwendigkeit des gegenwärtigen Augen-blicks, eine Art, die Aktualität des Verlangens zu empfinden, die nur unter bestimmten Umständen ausgedrückt werden kann.

Diese Nacht ist die Schöpfung von Situationen mit einem Orchester von veränderlicher Zusammensetzung, in dem der Geist von Noël Akchoté, das Klavier von Charlie O., die Stimme von Giovanna Cacciola und Costes, die Gitarre und Stimme von Red, der Bass von John Greaves, die Lieder Unserer Lieblinge und die Klänge von Christian Ludwig Mayer verhallen. Weit weg von den Studios, von der hygienischen Besessenheit und vom generellen Simulieren leben, vergehen und leben aufs Neue Wörter, Sätze, Melodien, die von einem Dasein erzählen, das an allen vier Ecken lichterloh brennt, sowie vom unbändigen Gelächter der unersättlichen Nacht.

 

Frei nach Texten und Gedanken von Thierry Jousse


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